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OECD-Studie Bildungsrendite: Inspiration für die gute Sache

vom 27.01.2010

Eine OECD-Studie hat ausgerechnet, wie viele Billionen Euro Deutschland durch gute Schulen gewinnen würde. Die Zahlen schaffen Verwirrung. Jan-Martin Wiarda erklärt die Zusammenhänge.

Ein Land, das seine Kinder in ordentliche Schulen schickt, profitiert langfristig enorm von seinen Investitionen ins Bildungssystem: Die Kinder werden zu schlaueren Erwachsenen, die den Wohlstand der Gesellschaft mehren und das Bruttosozialprodukt steigen lassen – zum Wohle aller.

Kurz gefasst, ist das die an sich wenig überraschende Kernaussage einer Studie, die Bildungsforscher der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vor einigen Tagen vorgestellt haben. Das Besondere an der Untersuchung ist, dass die Experten es nicht bei der allgemeinen Beschreibung von Zusammenhängen belassen haben, sondern scheinbar exakte Zahlen nennen, wie hoch der Profit ausfallen könnte.

Dadurch haben sie nicht nur Zustimmung geerntet, sondern auch jede Menge Verwirrung gestiftet: Kann so eine Berechnung überhaupt richtig sein? Oder handelt es sich nicht doch um pseudowissenschaftliche Behauptungen?

Zu den Hintergründen: Ein durchschnittlicher Anstieg der Schülerleistung in Mathe und in den Naturwissenschaften um 25 Pisa-Punkte, so die Forscher, würde allein der Bundesrepublik ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von rund 5 Billionen Euro bringen. Dieser Betrag ist bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 80 Jahren über das gesamte Leben der aktuellen Schülergeneration hinweg zu erwarten. Der gesamte ökonomische Ertrag würde das Zweieinhalbfache der augenblicklichen Wirtschaftsleistung ausmachen. Das entspricht 50 bis 100 Milliarden und zwischen zwei und fünf Prozent mehr pro Jahr.

25 Pisa-Punkte sind dabei noch nicht einmal besonders viel, 38 Punkte entsprechen in etwa dem Lernfortschritt, der in einem Schuljahr erreicht wird. Für andere Länder haben der Pisa-Forscher Andreas Schleicher, der Stanford-Professor Eric H. Hanushek und der Münchner Bildungsökonom Professor Ludger Woessman ähnliche Erträge errechnet.

Wie genau die Wissenschaftler auf ihre Ergebnisse gekommen sind, lässt sich in ihrem Untersuchungsbericht nachlesen. Eine detaillierte Schilderung an dieser Stelle würde nicht nur den Rahmen dieses Artikels sprengen, sondern zur Aufklärung im Grunde wenig beitragen. Wichtig sind indes zwei Punkte: Die OECD-Experten betonen eindringlich, dass der Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Wohlstand zwar einerseits durch viele Untersuchungen nachgewiesen sei, dass sich jedoch anderseits die genaue Höhe des Ertrags nur bestimmen lasse, indem man bestimme Grundannahmen in mathematische Formeln gieße. Weniger wissenschaftlich ausgedrückt heißt das: Es kann so kommen, wie die OECD es projiziert, das zusätzliche Wachstum kann jedoch auch ganz anders ausfallen, höher und geringer.

Mit Pseudowissenschaft hat das nichts zu tun, im Gegenteil: Sämtliche Prognosen in der Wirtschaftsforschung, Sozialwissenschaft und anderswo arbeiten mit ähnlichen Methoden – solange man sie offen benennt und auch die Aussagekraft der Ergebnisse entsprechend beschreibt, geht das in Ordnung. Die Daten können in der Tendenz hilfreich sein. Das Problem ist, dass in der massenmedialen Verkürzung die Forscherfußnote "mit beschränkter Haftung" meist wegfällt und Vermutungen zu feststehenden Aussagen mutieren. Und so klingt es plötzlich hanebüchen, wenn 25 Pisa-Punkte scheinbar exakt in 10.000 Milliarden Euro umgerechnet werden.

Auflösen lässt sich dieser Zielkonflikt nicht wirklich. Dass die Forscher überhaupt Zahlen zur Verfügung stellen, hat ja bereits viel mit dem Phänomen unserer Massenmedien wie auch ihrer Nutzer und Leser zu tun. Die allgemeine Aussage, dass Bildung für Wohlstand sorgt, haut niemandem vom Hocker. Volkswirtschaftliche Berechnungen mit exakten Eurosummen hingegen schaffen es ganz oben in die Schlagzeilen und erzeugen politischen Druck für die gute Sache: eben zusätzliche Investitionen ins Bildungssystem.

Insofern wird der Anreiz vieler ernst zu nehmender Wissenschaftler, derartige vom Ansatz her wichtige Studien mit einem populären Preisetikett zu versehen, immer existieren – und einhergehen mit der Gefahr, dass Medien und Leser die Prognosen allzu wörtlich nehmen.

Als aufgeklärte Leser sollten wir sie als das sehen, was sie sein sollen: eine Motivation und Inspiration, als Gesellschaft das zu erreichen, was sie versprechen.

Copyright ZEIT ONLINE
Von Jan-Martin Wiarda
Datum: 27.1.2010 - 14:08 Uhr   
Adresse: www.zeit.de/gesellschaft/schule/2010-01/oecd-bildungsrendite

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