ELTERN-AG in der Presse 2004 bis 2010

Nominierte Maßnahme: ELTERN-AG – Präventionsprogramm zur Steigerung der elterlichen Erziehungskompetenz im Bereich früher Erziehung und Bildung

Broschüre zum Deutschen Präventionspreis 2006 - Die Preisträger und Nominierten vom 01.03.2006

Empowerment – eine Antwort auf die PISA-Studie

Beweggrund

Vor fünf Jahren ging ein Ruck durch Deutschland, ausgelöst vom PISA-Schock. Bei der international vergleichenden Bildungsstudie der OECD war das Land der Dichter und Denker im unteren Mittelfeld gelandet. Als schlimmer noch wurde ein anderes Ergebnis empfunden: In keinem anderen Teilnehmerstaat hängen die Bildungschancen so sehr von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Verglichen mit Akademikerkindern haben Kinder aus so genannten bildungsfernen Schichten hierzulande kaum Aussichten auf schulischen Erfolg. Es fehlt an speziellen Erziehungshilfen, die ihre Benachteiligung ausgleichen könnten. Zwar gibt es eine Vielzahl von Ratgebern und Beratungsstellen für Eltern, doch die sind von ihrer Konzeption her meist auf die Interessen und Bedürfnisse der Mittelschicht zugeschnitten. Ohne die Erziehungskompetenz in einkommensschwachen Familien zu fördern, lassen sich die Fähigkeiten vieler Kinder kaum ausschöpfen. Je früher eine solche Förderung einsetzt, umso größer ist die Chance, gesundheitlichen Folgeschäden und problematischen Verhaltensweisen im späteren Leben vorzubeugen.

Beschreibung der Maßnahme

„ELTERN-AG“ ist der Name eines Förderprogramms für sozial benachteiligte Familien. Es wurde an der Magdeburger Akademie für Praxisorientierte Psychologie, einem An-Institut der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) entwickelt. „Randgruppen-Eltern“ im Sinne des Förder- programms sind Mütter und Väter, auf die mindestens eines der folgenden Merkmale zutrifft: 
• geringe schulische oder berufliche Bildung, 
• Einwanderung aus einem Land mit schwierigen sozioökonomischen und politischen Verhältnissen, 
• niedriges Einkommen oder Langzeitarbeitslosigkeit, 
• das Vorliegen einer schwerwiegenden körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung.

Die ELTERN-AG ist als eine Kombination von Selbsthilfe und Beratung konzipiert. Beraten werden die Eltern von so genannten Mentoren. Dabei handelt es sich um Psychologen, Sozialpädagogen und Absolventen vergleich- barer Studiengänge, die an der Magdeburger Akademie eine mehrmonatige Zusatzausbildung mit einem Zertifikat abgeschlossen haben. Zu Beginn der Ausbildung finden an drei Wochenenden Seminare und Vorlesungen zu den theoretischen Grundlagen und praktische Übungen wie Rollenspiele zum Erlernen des Elterntrainings statt. Anschließend organisieren jeweils zwei Teilnehmer eine eigene AG, wobei es sich in der Regel um einen weiblichen und einen männlichen Mentor handelt. Der praktische Teil der Ausbildung dauert insgesamt 20 Wochen. In dieser Zeit finden mehrere Hospitationen, Supervisionssitzungen und Teambesprechungen mit der Schulungsleitung statt.

Der Ablauf einer ELTERN-AG teilt sich in drei Phasen. In der „Vorlaufphase“ geht es darum, Eltern zu werben, die den oben genannten Kriterien entsprechen. Dies ist die Aufgabe der beiden Mentoren. In einer Art Feldforschung suchen sie Kindertagesstätten, Kinderarztpraxen oder Jugendämter auf und fragen dort nach, wie und wo sie mögliche Interessenten am besten ansprechen können. Danach nehmen sie mit den Eltern vor Ort, also etwa im Supermarkt oder auf dem Spielplatz, Kontakt auf. Das Motivieren von Müttern und Vätern, die ansonsten dazu neigen, Elternsprechtage und ähnliche Termine zu meiden, ist das Hauptanliegen in dieser Phase. Wenn die Eltern zur Zielgruppe gehören, werden sie zum ersten Treffen der AG eingeladen. Eltern, die den Zielkriterien nicht entsprechen, werden auf andere Trainingsangebote aufmerksam gemacht. Die homogene Gruppenzusammensetzung ist für den Erfolg des Konzepts entscheidend. Darum wird die Einhaltung der Zielgruppenkriterien bei jeder AG noch ein- mal vom Projektteam überprüft. Als ideale Gruppengröße gelten zehn Erwachsene – Paare eingerechnet. Damit beide Elternteile kommen können, wird parallel zur AG eine Kinderbetreuung angeboten.

Die „Initialphase“ einer ELTERN-AG dauert zehn Wochen. In jeder Woche gibt es eine Sitzung von 2 x 45 Minuten. In dieser Zeit stehen drei Punkte auf dem Programm: die Wissensvermittlung („Schlaue Eltern“), der Entspannungsteil („Relax“) und die Diskussion individueller Erziehungsfragen („Mein aufregender Elternalltag“). Der erste Punkt bezieht sich auf „sechs goldene Erziehungsregeln“, die von den Mentoren vorgestellt werden. Dazu gehören der Verzicht auf Gewalt, das Setzen von Grenzen und das Verstärken des erwünschten bzw. Ignorieren des unerwünschten Verhaltens der Kinder. Um den Eltern lange Anfahrtswege zu ersparen, wird ein Treffpunkt in ihrem Wohnumfeld gesucht. Meistens stellen Kindertagesstätten, Grundschulen oder Kirchengemeinden die Räume zur Verfügung.

Wenn sich der Ablauf eingespielt hat, beginnt die „Konsolidierungsphase“ einer ELTERN-AG. Auch sie ist auf eine Dauer von zehn Wochen hin angelegt. Inhaltlich werden die Diskussionen der ersten Sitzungen fortgeführt, allerdings mit dem Unterschied, dass nun die Teilnehmer Schritt für Schritt die Gestaltung der Treffen übernehmen. Damit soll ein zentrales Anliegen des Projekts praktisch umgesetzt werden: Die Eltern sollen lernen, sich gegenseitig weiterzuhelfen, und sich dadurch als Experten des eigenen Alltags erleben. Sinn der Übung ist die Fortführung der Gruppe in Eigenregie. Nach insgesamt 20 gemeinsamen Sitzungen bleiben die Mentoren zwar die „Paten“ ihrer AG, nehmen an den weiteren Treffen aber nur noch sporadisch teil.

Ziele und Wirksamkeit

Hauptziel des Projekts ist die Förderung der emotionalen, kognitiven und sozialen Fähigkeiten der Kinder. Als wichtigster Schutzfaktor der frühen kindlichen Entwicklung wird die Erziehungskompetenz der Eltern angesehen. Sind die Eltern sozial benachteiligt, so wirken sich die ein- schränkenden Bedingungen oft negativ auf ihre erzieherische Praxis aus. Eine geringere Erziehungskompetenz verstärkt wiederum die soziale Benachteiligung der Kinder. Dieser Teufelskreis soll nun durch die Methode des „Empowerment“ durchbrochen werden. Die Eltern werden durch die Mentoren dazu ermutigt, ihre Ressourcen als Erziehende zu erkennen und zu nutzen. Sie sollen Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten bekommen und lösungsorientiertes Handeln einüben.
Tatsächlich sagen Eltern, die an einer AG teilgenommen haben, ihre Wahrnehmung der Kinder habe sich verändert, sie fühlten sich sicherer und es gebe weniger Reibungen.
So berichtet eine Mutter aus der Elterngruppe in Fermersleben: „Meine Kimberly, 22 Monate alt, war nahezu süchtig nach Süßigkeiten. Bekam sie keine, machte sie mir das Leben zur Hölle. In der Gruppe haben wir lange über Möglichkeiten diskutiert, den Süßwarenkonsum einzuschränken. Da kamen Ideen auf den Tisch, die mir allein nie gekommen wären.“

Kooperation und Vernetzung

Die Mentoren sind in der Mehrzahl berufsbegleitend tätig. Im Hauptberuf arbeiten sie als Psychologen, Sozialpädagogen oder Gesundheitswirte. Gemeinsame Sitzungen etwa bei der Fortbildung oder der Supervision bieten daher die Gelegenheit zum interdisziplinären Erfahrungsaustausch.
Bei der Gewinnung der Eltern arbeitet das Projekt mit einer Vielzahl von Institutionen und Personen zusammen. Dazu gehören in erster Linie die Mitarbeiter von Kindertagesstätten und Jugendämtern, aber auch Kinderärzte, Hebammen und Sozialarbeiter.

Finanzierung

Für die Eltern ist die Teilnahme an den Arbeitsgruppen kostenlos. Andernfalls wären die einkommensschwächeren Familien wohl kaum zu gewinnen. 
Der Projektetat belief sich im Jahr 2005 auf 100.000 Euro. Die wichtigsten Geldgeber waren das Kultusministerium von Sachsen-Anhalt (35.000 Euro), das Landesministerium für Gesundheit und Soziales (55.000 Euro), die Jugendstiftung der Stadtsparkasse Magdeburg (3.000 Euro) und der Trägerverein (7.000 Euro).
Seine Eigenmittel verdankt MAPP e.V. einer Reihe von Sponsoren aus der Privatwirtschaft. Hauptkostenpunkt sind die Mitarbeiterstellen. Projektkoordination, Mentorenausbildung und Begleitforschung werden auf Werkvertragsbasis durchgeführt.

Übertragbarkeit

Innerhalb der ersten beiden Projektjahre sind insgesamt 27 ELTERN-AGs entstanden – 15 davon in Magdeburg, die übrigen in neun anderen Ortschaften. In diesem Jahr sollen weitere Städte und Regionen von Sachsen-Anhalt hinzukommen. Für 2007 ist geplant, das Konzept der ELTERN-AGs auch in anderen Bundesländern kostendeckend zu vermarkten (siehe hierzu den Abschnitt Zukunftsperspektiven).

Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit

Zu den Mitgliedern des Trägervereins gehören die Schwimmweltmeisterin Antje Buschschulte und der Tatort-Kommissar Peter Sodann. Die prominente Unterstützung ist ein Pluspunkt für die Öffentlichkeitsarbeit in Sachen ELTERN-AG. Die lokale und regionale Presse berichtet regelmäßig über den neuesten Stand der Projektentwicklung (siehe etwa „ELTERN-AGs: Eine Mischung aus Seminar und Selbsthilfegruppe“, Volksstimme vom 16.11.2004; „Mütter helfen sich gegenseitig bei ihren Erziehungsproblemen“, Volks- stimme vom 07.07.2005; „Aufbruch in neuen Alltag – Wege aus der Krise: Wie ungewöhnliche ELTERN-AG unter Druck geratenen Müttern und Vätern hilft“, Mitteldeutsche Zeitung vom 20.03.2006).
Mit Kinderfesten und anderen Veranstaltungen wirbt MAPP e.V. für die Idee der Elterninitiative, zuletzt bei einem Familien-Aktionstag im Magdeburger Elbauen-Park im Oktober 2005. Darüber hinaus halten die Mitarbeiter Vorträge in Jugendämtern und anderen Kooperationseinrichtungen wie dem Landesverband der Arbeiterwohlfahrt. Hinzu kommen Präsentationen auf Fachkonferenzen wie dem Berliner Kongress „Armut und Gesundheit“ (2004) oder der „Bildungswerkstatt McKinsey“ (2005).
Informationen über die Ausbildung zum Mentor und aktuelle Nachrichten über die Projektarbeit finden sich auf www.mapp-ev.org. Voraussichtlich im Herbst 2006 erscheint im Carl-Auer-Verlag ein Handbuch mit theoretischen Grundlagen und praktischen Übungen für die Moderation einer AG („ELTERN-AG: Das Empowermentprogramm für Elternkompetenz in Problemfamilien“).

Nachhaltigkeit

Das Magdeburger Modellprojekt befindet sich selber noch in der „Initialphase“. Die Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt läuft bis Ende 2006, zudem ist mit mehreren Jugendämtern der Verkauf des im Projekt entwickelten Kurs-Pakets vereinbart worden.
Wie nachhaltig die Wirkungen sind, die von der Initiative ausgehen, wird sich schon bald an der Zahl der Arbeitsgruppen ablesen lassen, die nach den 20 moderierten Sitzungen eigenständig weitermachen. „Jedes Alter ist anders. Wir haben bestimmt auch in fünf Jahren noch neue Fragen, die wir dann miteinander besprechen können“, so die Teilnehmerin eines ELTERN-AG-Selbsthilfekreises in der Magdeburger Kita Gänseblümchen.

Dokumentation und Evaluation

Bislang sind an der Magdeburger Akademie für Praxis- orientierte Psychologie 39 Mentoren ausgebildet worden. An den landesweit 27 Eltern-AGs, die bisher angelaufen sind, haben 185 Mütter und 34 Väter teilgenommen – es handelt sich um die Eltern von insgesamt 448 Kindern. Weitere 22 Mentoren befinden sich derzeit in der praktischen Ausbildung – sie haben elf zusätzliche ELTERN-AGs ins Leben gerufen. In jeder AG werden Teilnehmerlisten geführt, der Verlauf jeder Sitzung wird von den Eltern bewertet und von den Mentoren protokolliert.
Am Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Magdeburger Fachhochschule hat sich ein Evaluationsteam konstituiert, das die Effekte der ELTERN-AGs zu erfassen versucht. Vorgesehen ist eine Zweipunktmessung nach der 1. und nach der 20. Sitzung. Der Eltern-Fragebogen besteht aus standardisierten Skalen zur Erfassung von Selbstwertgefühl, Partnerschaftskonflikten, Erziehungsstilen und sozialer Unterstützung. Für die Diagnostik der Fortschritte des Kindes wird der Entwicklungstest ET 6-6 von Petermann und Stein verwendet. Bei dem jeweils jüngsten Kind der teilnehmenden Eltern oder Elternteile werden sechs Bereiche überprüft, und zwar die Körper- und Handmotorik sowie die kognitive, sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung.
Das Evaluationskonzept basiert auf einem Kontrollgruppendesign, das heißt, es bezieht auch eine Gruppe von sozial benachteiligten Eltern in die Erhebung mit ein, die an keiner AG teilnehmen. Die ersten Ergebnisse der Begleitforschung sollen Mitte 2006 vorliegen.

Zukunftsperspektiven

2007 soll das Projekt in seine „Konsolidierungsphase“ eintreten. Zu diesem Zeitpunkt will das Projektteam als marktorientierter Anbieter auftreten, ein entsprechender Business-Plan liegt bereits vor. Die zu vermarktenden Produkte sind die Materialien für die Arbeit der AGs (Kurstyp A) und die Inhalte der Mentorenausbildung (Kurstyp B). Sie sollen als Paketangebot an Jugendämter, Krankenkassen und andere Interessenten verkauft werden. Wenn die Kalkulation aufgeht, sollen die Projektstellen in Planstellen überführt werden.

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