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Mehr Bildung für die armen Babys

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.08.2008

Frühkindliche Förderung Mehr Bildung für die armen Babys

Von Rainer Hank und Winand von Petersdorff

18. August 2008
Der Skandal beginnt mit der Geburt: Ungefragt purzeln wir ins Leben, finden uns in einer Umgebung vor, die wir uns selbst nicht ausgesucht hätten, und kommen mit guten oder weniger guten Genen in reichen oder armen Ländern zur Welt. Selbst wer in einem reichen Land wie Deutschland geboren wird, kann das Pech haben, in armen und verwahrlosten Familien aufzuwachsen - falls überhaupt so etwas wie eine Familie da ist.

Den ganzen Tag vor dem Fernseher, ohne Zuwendung und Förderung von Eltern oder Erziehern, so muss man sich das vorstellen. Meist ist dann schon alles für das weitere Leben zu spät: Unglück, Armut, Drogen und Kriminalität drohen. Häufig wird daraus ein Teufelskreis ohne Ausweg.

Nicht erst mit der Geburt des Menschen beginnt die Ungleichheit. Das genetische Programm ist maßgebend (siehe dazu auch: Sei nett zum Kind, das nützt seinen Genen). Am Anfang des Lebens wird das Meiste grundgelegt, was später passiert. Das wusste schon Sigmund Freud. Jetzt erinnern sich auch die Wirtschaftswissenschaftler an den Erfinder der Psychoanalyse. „Die frühen Lebensumstände prägen das ganze spätere Leben“, sagt James Heckman, ein Ökonom aus Chicago: „Spätestens mit 18 Jahren hat sich die Hälfte der Ungleichheit aller aufs Leben gerechneten Einkünfte entschieden.“

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Sei nett zum Kind, das nützt seinen Genen

Früher fördern ist billiger

Heckman, der im Jahre 2000 einen Nobelpreis für seine Forschungen zum Arbeitsmarkt erhielt, hat sich seit ein paar Jahren ganz der Bildungsökonomie gewidmet und zusammen mit Psychologen und Pädagogen das Geheimnis von Lebenszufriedenheit und -erfolg erforscht.

Seine provokante These: Je früher im Leben wir vom Schicksal benachteiligte Kinder fördern, desto größer ist die Aussicht auf Erfolg. Und desto billiger wird es für die Gesellschaft (siehe Grafik). Umgekehrt: Je später wir uns um die Entwicklungschancen von Menschen kümmern, desto teurer wird es - und umso aussichtsloser.

Es geht um nichts Geringeres als darum, die größte Ungerechtigkeit der praktizierenden Marktwirtschaften abzuschaffen: Kinder aus armen und bildungsfernen Familien können sich noch so anstrengen. Sie kommen nicht nach oben. Dieser Befund ist nachgewiesen für die Vereinigten Staaten. „Doch in Deutschland ist das Problem sogar größer als in Amerika“, sagt der Münchener Bildungsökonom Ludger Wößmann. In kaum einem anderen Land bestimmt der familiäre Hintergrund die schulischen Leistungen so stark wie hierzulande, bestätigen Timss, Pisa und andere internationale Untersuchungen. Dazu kommt, dass in Deutschland formale Abschlüsse zentral für den Einstieg in die Karriere sind, während andere Länder auch mal Quereinsteigern eine Chance geben.

Wer sich erst spät um benachteiligte Kinder kümmert, vergeudet seine Mühe

Die soziale Herkunft entscheidet in Deutschland über Zukunftspläne, bestätigt der Pädagoge Klaus Hurrelmann in der „Worldvision-Kinderstudie“: „Haben Eltern selbst einen niedrigen Bildungsgrad, gelingt auch den Kindern selten ein höherer Schulabschluss. Mehr noch: Sie wagen kaum, ihn anzustreben.“ Diese Kinder sind schon entmutigt, bevor ihre Bildungslaufbahn richtig beginnt. Nur jedes fünfte Unterschichtkind nennt das Abitur oder das Gymnasium als Bildungsziel, aber jeder zweite Schüler insgesamt. Drei Viertel aller Oberschichtkinder halten sich für gute bis sehr gute Schüler, aber nur jeder vierte Spross der Unterschicht.

Was also tun? „Wer Ungleichheit reduzieren will, muss sich so früh wie möglich um benachteiligte Kinder kümmern“, fordert Heckman. Warum? Weil er es später bleibenlassen kann; denn dann ist es vergeudete Mühe.

Etwa 15 bis 20 Prozent der Kinder in Deutschland gelten als bildungsfern

Tatsächlich zeigen Langzeituntersuchungen in den Vereinigten Staaten, dass das stimmt. Für das sogenannte „Perry Preschool-Projekt“, ein Vorschulexperiment in Ypsilanti im amerikanischen Bundesstaat Michigan, wurden 120 drei- bis vierjährige Kinder ausgewählt, die meist aus afroamerikanischen Elternhäusern stammen und einen niedrigen Intelligenzquotienten hatten. Die Kinder wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die einen kamen in eine gute, anregende Vorschule, und ihre Eltern wurden von Betreuern beraten. Bei den anderen passierte nichts.

Alle paar Jahre wurden die Versuchspersonen interviewt. Heute gehen die Kinder von damals auf fünfzig zu. Das Ergebnis ist sensationell: Kinder, denen besondere Zuwendung zuteil wurde, sindseltener kriminell und drogensüchtig, haben bessere Schulabschlüsse und einen besseren Beruf, ein höheres Einkommen. Sie haben selbst häufiger Kinder und sind mit ihrem Leben zufriedener.

Für Wößmann, Bildungsforscher am Münchner Ifo-Institut, sind die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar: „Gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten zahlen sich frühe Investitionen im Lebenszyklus aus“, sagt der Ökonom. Als „bildungsfern“ gelten etwa 15 bis 20 Prozent der Kinder in Deutschland. Wie viele von ihnen einen Migrationshintergrund haben, kann Wößmann nicht beziffern. Doch klar ist, dass durch die Einwanderer die Ungleichheit in Deutschland wächst.

Rauben kühle Ökonomen kleinen Kindern die Freiheit?

Ein Verdacht drängt sich auf. Kühle Ökonomen rauben den Kleinkindern die letzte Oase der Freiheit, um eine höhere Rendite aus den Bildungsinvestitionen herauszuschlagen. Die Schonzeit von null bis drei Jahren, in denen das Leben noch keine Termine kennt, wird frühkindlichen Karriereprogrammen geopfert: Englisch für Dreijährige, Musikschule für Wickelkinder und Schach für Zappelphilippe. Eine beängstigende Vision.

„Darum geht es nicht“, korrigieren die Ökonomen. In einer Umgebung, wo jegliche Zuwendung fehlt, die Eltern und Verwandten abgestumpft und überfordert sind, gedeihen Kinder nicht. Neugier und Wissbegierde wachsen, wenn sie stimuliert und gefüttert werden. „Die Idee eines Schonraumes, der den Kindern zusteht, ehe der Ernst des Lebens beginnt, ist wenig hilfreich“, heißt es in der Worldvision-Kinderstudie. „Wichtiger ist es, die Umwelten so zu gestalten, dass sich Kinder einbringen und entfalten können.“

Der Effekt solcher Haltungen wie Neugierde oder der Drang, Neues zu erobern, hält ein ganzes Leben lang an. „Denn Motivation gebiert neue Motivation, und erworbene Fähigkeiten erzeugen neue Fähigkeiten“, sagt Heckman.

Wie ein Zinseszinseffekt

Nüchtern kann man sich das wie einen Zinseszinseffekt bei der Geldanlage vorstellen: Die positive Wirkung vervielfältigt sich. Wer früh Freude am Lernen entwickelt hat, wird daran kaum je den Spaß verlieren. Denn es gibt ja unendlich viel Neues in der Welt zu entdecken. Die kleinen Kinder sollen nicht aus dem Paradies der Unschuld gerissen werden (zumal man sich solch „bildungsferne“ Milieus ohnehin nicht besonders paradiesisch vorstellen sollte). Im Gegenteil: Ihnen soll durch gezielte Förderung Lust auf das Leben gemacht werden.

Keine Frage: Das Programm von Heckman und seinen Mitstreitern ist paternalistisch und ein bisschen sozialtechnologisch. Das verschweigen die Ökonomen nicht. Aber es geht um unmündige Kinder, deren Vormünder ihren Pflichten nicht nachkommen. Die Eltern kümmern sich nicht um die Kleinen. Sie vermitteln ihrem Nachwuchs - aus welchen Gründen auch immer - weder Liebe noch Grundvertrauen. In diesen Familien wird wenig geredet, es wird nicht erzählt, es wird nicht vorgelesen. Und es wird sehr viel Fernsehen geguckt.

Das frühe Familienleben ist heilig“

Trotzdem wäre es ein gravierender Fehler, die Kinder ihrem familiären Umfeld zu entfremden. Ganztagsbetreuung ist in den ersten Jahren nicht die Alternative zum verwahrlosten Umfeld. „Das frühe Familienleben ist heilig“, sagt Heckman. Dementsprechend wurden die Kinder in den Versuchsgruppen auch nur zeitweise in die Vorschule gebracht. Das Wichtigste war: Einmal pro Woche kam die Erzieherin in jede Familie nach Hause. Sie hatte neunzig Minuten Zeit, um mit der Mutter über die Entwicklung ihres Kindes zu reden. Wenn eine Mutter verstand, wie wichtig Vorlesen ist, war sie auch in der Lage, ihr Kind besser zu motivieren. Davon haben dann die Kinder profitiert. „Es geht darum, den Charakter zu bilden und die kleinen Kinder zu motivieren“, sagt Heckman. „Das ist viel wichtiger, als sich ausschließlich um kognitive Fähigkeiten zu kümmern.“

Muss jetzt also wieder einmal noch mehr Geld in die Bildung gepumpt werden? Ifo-Mann Wößmann schüttelt den Kopf: „Das deutsche Bildungssystem leidet weniger an Unterfinanzierung als an ineffizienten Strukturen.“ Schlimmer noch ist, dass in Deutschland die öffentlichen Ausgaben

im internationalen Vergleich im frühen Alter relativ gering sind und später - also bei Berufsbildung und Hochschulen - relativ hoch (siehe Grafik). Besser wäre es umgekehrt: Denn je später das Geld ausgegeben wird, umso weniger effizient ist es. Die Konsequenz: „Sowohl aus Gerechtigkeits- als auch aus Effizienzgründen spricht vieles dafür, die öffentliche Finanzierung von Hochschulen zu verringern und die Förderung von sozial Schwachen im frühkindlichen Alter auszuweiten“, sagt Wößmann. Dann bekämen die Kleinsten mehr Förderung, ohne dass insgesamt mehr Geld ausgegeben werden müsste.

Tatsächlich offenbart sich hier eine grundlegende Schwäche des Sozialstaates. Er kümmert sich wenig um die Ungleichheiten der Menschen am Beginn des Lebens und gibt stattdessen später, wenn es zu spät ist, viel Geld aus, um Gleichheit herzustellen. Mit geringem Erfolg. Frühkindliche Bildung ist nicht nur gerechter, sie ist auch effizienter. Das befriedigt die Ökonomen.

Text: F.A.S. 

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