ELTERN-AG in der Presse 2004 bis 2010

Frühe Hilfen - Ein interessantes Konzept aus Magdeburg: ELTERN-AG

Blickpunkt öffentliche Gesundheit Ausgabe 4/2007 vom 01.04.2007

Frühe Hilfen

Ein interessantes Konzept aus Magdeburg: „ELTERN-AG“

Das Thema Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung steht in Deutschland auf allen Ebenen derzeit ganz oben auf der Tagesordnung: Das Bundesfamilienministerium installierte jüngst ein„Nationales Zentrum Frühe Hilfen“, auf der Länderebene wird eine Verpflichtung der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder diskutiert beziehungsweise auch schon umgesetzt wie im Saarland oder in Bremen, und auf der kommunalen Ebene en- gagiert man sich mit Präventionsprojekten. Das Magdeburger Konzept "ELTERN-AG“, das Meinrad Armbruster im Folgenden vorstellt, zeigt einen interessanten Weg auf, wie der Problematik von überforderten Eltern und vernachlässigten Kindern in so genannten Multiproblemfamilien begegnet werden kann. Ein Konzept, das durch seinen partizipatorischen Ansatz besticht.

Das Schicksal des kleinen Kevin aus Bremen hat ganz Deutschland erschüttert: versteckt, misshandelt, zu Tode gequält. Andere Schicksale fügen sich nahtlos ein: Säuglinge und Kleinkinder, unterernährt, entwicklungsverzögert, in prekärem körperlichem und psychischem Zustand, Vorschulkinder mit massiven Defiziten, von den eigenen Eltern unverantwortlich vernachlässigt. Schaut man sich allein die bekannten Fälle an, so wird deutlich, dass die betroffenen Eltern – Mütter und Väter mit großen Problemen – eines gemeinsam haben: Sie fanden in Zeiten der Not keine annehmbare, niedrigschwellige Hilfe bei jenen, die laut Profession und Auftrag für sie da sein sollten: Ärzte und Berater, Gesundheits- und Jugendamt. Meist blieben sie sich selbst überlassen, ein erheblicher Teil von ihnen ist charakterisiert mit niedriger Schulbildung, Migrationshintergrund, Ar- beitslosigkeit, wohnhaft in sozialen Brennpunkten

Viele Programme erreichen die Eltern nicht

Empirische Untersuchungen zeigen, dass die meisten professionellen Angebote bei sozial benachteiligten Familien nicht ankommen. Die üblichen Präventionsprogramme der Krankenkassen sind weit davon entfernt, die Situation von Kindern in Multiproblemfamilien nachhaltig zu verbessern. Dabei gibt es eine ganze Reihe erprobter und Mut machender Modelle, die aber allesamt nicht in Deutschland stattfinden, obwohl sie sich gleichermaßen volkswirtschaftlich und ethisch „lohnen“ würden. Eine Studie konnte sogar aufzeigen, dass sich die günstigen Wirkungen früher Interventionen auch noch nach 27 Jahren als Langzeiteffekte nachweisen lassen.

„Eltern-AG“ setzt auf Selbsthilfe-Potenziale

Es ist fachlich unbestritten, dass der frühen Lebensphase die größte Bedeutung für die Prävention von gesundheitlichen Schädigungen und psychischen Entwicklungsdefiziten zukommt. Eltern sind die besten Adressaten, wenn die Maßnahmen auf die Verbesserung der kindlichen Entwicklung im Vorschulalter ausgerichtet sind. So ist belegt, dass die häuslichen Lebensbedingungen einen doppelt so großen Einfluss auf die kindliche Entwicklung ausüben wie institutionelle Angebote von Kindertagesstätten und Schulen.

Das Magdeburger Präventionsprogramm „ELTERN-AG“ geht einen anderen Weg als die meisten anderen Konzepte. Es setzt sehr stark auf die Selbsthilfepotenziale, die allen Menschen innewohnen und die es auch und gerade bei sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen zu entwickeln gilt. Sozial benachteiligte Eltern werden damit zu 100 Prozent erreicht. Das Programm richtet sich an Eltern von Kindern im Vorschulschulalter, die in der Regel weder den Weg in die Elternschulen noch in die Erziehungsberatungsstellen finden und die auch um die Präventionskurse der Krankenkassen einen großen Bogen machen.

„ELTERN-AG“ ist ein aufsuchender und freiwilliger Ansatz, der in seinen psychologischen Dimensionen auf dem „bedürfnispsychologi- schen Theoriemodell“ beruht. Es geht unter anderem davon aus, dass Eltern, die aufgrund sozialer Benachteiligung an der Befriedigung ihrer vitalen Bedürfnisse gehindert werden, nicht in der Lage sind, die Grundbedürfnisse ihrer eigenen Kinder wahrzunehmen und zu befriedigen.

„Fortschritte werden konsequent verstärkt und wertgeschätzt.“

Dem Konzept liegen zwei zentrale Bausteine zu Grunde: Empowerment und Anleitung zur Selbsthilfe. Niedrigschwelligkeit, Begeg- nung auf gleicher Augenhöhe sowie Förderung von Selbstwert und Kontrollüberzeugungen sind Kernmerkmale der „ELTERN-AG“. Mithilfe spezifischer Interventionstechniken erfahren sich Eltern im Verlauf des Kurses als zunehmend kompetent und sicher, sie werden zu Experten ihrer Kinder. Über die Arbeit mit den Eltern zielt „ELTERN-AG“ auf die Förderung der emotionalen, sozialen und kognitiven Kompetenzen der Vorschulkinder, auf die Verbesserung der familiären Beziehungen sowie auf einen entspannten, angstfreien Umgang mit frühpädagogischen Institutionen.

„ELTERN-AG“ wird in der frühen Familienphase mit 20 jeweils zweistündigen Sitzungen durchgeführt, weil zum einen junge Eltern am empfänglichsten für alle Interventionen sind, die den Umgang mit ihren Kindern betreffen, und zum anderen die Gehirnreifung in den ersten Lebensjahren am nachhaltigsten geprägt wird. Die Kursleiter, Sozialpädagogen und Erzieherinnen – Mentoren genannt – agie- ren als Begleiter und „Ermöglicher“. Sie achten sehr sensibel darauf, dass Unterlegenheitsgefühle und Abhängigkeiten erst gar nicht aufkommen.

Die Lerninhalte werden implizit vermittelt, das heißt, es werden anregungsreiche, stimulierende, bedürfnisbefriedigende Settings angeboten, etwa durch systematische Gruppeninteraktionen oder intuitives Ausprobieren. Mithilfe der Methoden der „Positiven Psychologie“ werden alle Fortschritte präzise und konsequent verstärkt und wertgeschätzt. Für Eltern mit sozialer Benachteiligung und negativer Bildungsbiographie ist diese Art des Lernens, die scheinbar mühelos und von selbst abläuft, in der Regel unglaublich motivierend. Schnell macht die Misserfolgsorientierung der Erwartung an die eigene Handlungswirksamkeit und Fähigkeit Platz. Um die Ergebnisse impliziten Lernens zu verfestigen und reproduzierbar zu machen, bedarf es einer Serie von Wiederholungen.

In der Vorlaufphase, die fünf bis zehn Einsätze umfasst, machen sich die Mentoren mit ihrem Einsatzgebiet betraut. Sie betreiben Feldforschung und führen Gespräche mit relevanten sozialen Institutionen und wichtigen Multiplikatoren im Stadtteil oder in der Regi- on, die die Zielgruppe und die Umgebungsbedingungen am besten kennen. Die erste Kontaktaufnahme mit den „Klienten“ geschieht durch spontane Werbemaßnahmen wie etwa ein Stegreif-Theater, andere Mitmachangebote, ein Kleiderbazar. Diese „Werbemaßnah- men“ sollen die Neugierde wecken und den Eltern Lust zur Teilnahme machen. Die „ELTERN-AG“-Gruppe startet, wenn zehn Eltern „geworben“ sind.

Die Initialphase umfasst zehn Sitzungen. Sie dient der Herausbildung von geregelten Gruppenabläufen, der Bearbeitung der „Sechs Goldenen Erziehungsregeln“ und der Gruppenregeln sowie der Förderung der Gruppenidentität. Die Inhalte der Treffen spiegeln die Interessen und Bedürfnisse der teilnehmenden Eltern wider.

Die Konsolidierungsphase erstreckt sich dann über die Sitzungen 11 bis 20. Sie eröffnet den Eltern bei gleicher Struktur die Möglichkeit, die Gestaltung der Treffen sukzessive in die Hand zu nehmen und in die Selbsthilfephase überzuführen. Wichtig: Zu jedem Treffen wird eine separate Kinderbetreuung angeboten.

Jede Sitzung läuft nach einem dreigliedrigen Schema (jeweils 30 Minuten) ab:

a) Schlaue Eltern. In diesem auf Wissenszuwachs ausgerichteten Teil haben die Eltern die Gelegenheit, fachkundige Informationen zu Themen rund um die kindliche Entwicklung (zum Beispiel Sauberkeitserziehung, Trotzalter, Meilensteine der Entwicklung) durch die Mentoren zu erhalten. Die Mentoren bereiten dazu einen etwa zehnminütigen Kurzvortrag vor. In den folgenden 20 Minuten bringen die Eltern ihre eigenen Erfahrungen als „Experten ihrer Kinder“ ein und besprechen das Gehörte.

b) Relax. Kinder sind das schwächste Glied in der familiären Kette. In Stresssituationen empfinden sozial benachteiligte Eltern die eigenen Kinder manchmal als übergroße Belastung. In „Relax“ lernen die Eltern, ihre Emotionen besser wahrzunehmen und zu regulieren. Sie üben, für stressige Situationen die Verantwortung zu übernehmen, sie „herunterzusteuern“ und sich zu entspannen.

c) Mein aufregender Elternalltag. Im Kernelement Mein aufregender Elternalltag berichten die Eltern, was sie in der vergangenen Woche mit ihren Kindern erlebt haben und zu welchen Ergebnissen die „Hausaufgaben“, die sie in der vorangegangenen Gruppenstunde erhalten haben, geführt haben.

Jede „ELTERN-AG“-Sitzung wird von den Eltern am Schluss durch einfache Bewertungsmethoden beurteilt. Mentoren und Eltern arbeiten eng zusammen, um das Konzept kontinuierlich zu verbessern.

„ELTERN-AG“ – Zwischenbilanz

Zwischen 2004 und 2006 haben über 300 sozial benachteiligte Eltern mit 800 Kindern an der „ELTERN-AG“ in Sachsen-Anhalt teilgenommen. Die durchschnittliche Anwesenheit lag bei über 70 Prozent. 97 Prozent der Teilnehmer, die eine „ELTERN-AG“ durchlaufen haben, würden sie weiter empfehlen. 89 Prozent der Eltern waren mit den Themen der „ELTERN-AG“ ausgesprochen zufrieden. Drei Viertel der Gruppen besteht als Selbsthilfe-Elterntreffs nach Abschluss der Elternschule weiter.

70 Mentoren wurden in dem Empowerment-Ansatz ausgebildet. Seit 2007 kommt das „ELTERN-AG“-Konzept auch in Mecklenburg-Vorpommern zum Einsatz. Anfragen aus anderen Bundesländern konnten bislang aus kapazitären Gründen nicht berücksichtigt werden.

Um den Ansatz weiter zu verbreiten, wird daran gearbeitet, ein bundesweit übertragbares Ausbildungskonzept für Mentoren zu entwickeln und den „ELTERN-AG“- Ansatz auf den Schulbereich und auf die Begleitung von Schulabgängern („Job-Starter-AG“) zu übertragen.

„ELTERN-AG“ wurde 2005 zum Modellprojekt von „McKinsey bildet“ und 2006 für den Deutschen Präventionspreis nominiert.

Auftraggeber der „ELTERN-AG“ sind Einrichtungen wie Gesundheits- und Jugendämter sowie Stiftungen. Zertifizierte Mentoren haben die Möglichkeit, sich ihre Auftraggeber selbst zu suchen.

Meinrad Armbruster
Susanne Schlabs

Meinrad M. Armbruster ist Professor für pädagogische Psychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH).
Susanne Schlabs, promovierte Erziehungswissenschaftlerin arbeitet als Dozentin an der Hochschule Magdeburg-Stendal (FH). Kontakt: Meinrad.Armbruster@hs-magdeburg.de.


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