ELTERN-AG in der Presse 2004 bis 2010

ELTERN-AG: Das Empowermentprogramm für mehr Elternkompetenz für Problemfamilien

CD-ROM des Kongresses Armut und Gesundheit vom 19.06.2008

Janet Thiemann und Meinrad Armbruster

ELTERN-AG - Das Empowermentprogramm für mehr Elternkompetenz für Problemfamilien

Das Best-Practice-Modell ELTERN-AG ist eine niedrigschwellige Elternschule aus Sachsen-Anhalt. Von Prof. Armbruster und seinen Mitarbeiterinnen an der Hochschule Magdeburg-Stendal entwickelt, erreicht das Präventionsprogramm seit 2004 Erziehungsberechtigte, die bisher für soziale Angebote als unerreichbar galten.

Anders als andere Elternschulen in Deutschland hat die ELTERN-AG ein stark emanzipatori- sches Anliegen und arbeitet mit einer systemisch-ganzheitlichen Herangehensweise sowie mit einer Zielgruppe, die nicht nur über das Alter der Kinder, sondern auch sozial- und bil- dungsspezifisch definiert ist.
Die ELTERN-AG ist ein selektives, auf Empowerment basierendes primärpräventives Eltern- training für Menschen in der Familienplanungsphase oder Eltern mit Kindern im Vorschulal- ter, die in sozialer Benachteiligung leben, als bildungsfern einzustufen sind und/oder einen Migrationshintergrund haben.

Ausgangspunkt

In Anschluss an die PISA-Studie wurde die Erkenntnis, dass soziale Benachteiligung signifi- kant negative Auswirkungen auf das gesamte Entwicklungsspektrum von Kindern hat, zum Ausgangspunkt für die Entwicklung der innovativen Elternschule. Benachteiligung ist vor allem durch geringes Einkommen, Arbeitslosigkeit, Migration, beengte Wohnverhältnisse, problematisches Wohnumfeld, schlechtes Bildungsniveau, fehlende Berufsabschlüsse und einen Mangel an Perspektiven gekennzeichnet. Sie begünstigt familiäre Risikokonstellatio- nen wie Drogen- und Alkoholkonsum, Partnerschaftsprobleme, die Notwendigkeit des Allein- erziehens, Minderjährigkeit der Mutter und soziale Isolation. Häufig treten die Probleme nicht nur einzeln, sondern gemeinsam auf; man spricht dann von Multiproblemfamilien. Die viel- schichtigen Belastungen, die schon jede für sich kaum mehr zu bewältigen sind, gefährden die Entwicklung von gefühlvollen, tragfähigen Eltern-Kind-Beziehungen, welche wiederum die Voraussetzung einer gesunden emotionalen, sozialen, kognitiven und sprachlichen Ent- wicklung der Kinder darstellen (Härtig 2006). Ein Leben in einer derartigen Umgebung birgt also ein hohes Risiko, auch im Erwachsenenalter in deprivierten Bedingungen zu leben. Vie- le aktuelle wissenschaftliche Studien belegen, dass die Chancen für diese Kinder, im Er- wachsenenalter einen Bildungsabschluss und einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeits- markt zu bekommen, schlechter, aber die gesundheitlichen Risiken größer sind als bei Kindern aus Mittelschichtfamilien. Das deutsche Bildungs- und Gesundheitssystem scheint es nicht zu schaffen, soziale Benachteiligung auszugleichen, Chancengleichheit herzustellen und Ungerechtigkeit abzubauen. Weil die menschliche Entwicklung durch die Gehirnreifung in den ersten Lebensjahren am nachhaltigsten geprägt und festgelegt wird, sind frühe Interventionen, die eine gezielte El- ternbildung, zum Gegenstand haben, am effektivsten. Außerdem sind Eltern in der frühen Familienphase am empfänglichsten für alle Interventionen, die den Umgang mit ihren kleinen Kindern betreffen (Armbruster 2006). Die Neurobiologin Katharina Braun beschrieb in einem Fachvortrag 2006, dass Probleme mit dem Lernen, ungenügendes Konzentrations- und Durchhaltevermögen, unterentwickeltes Selbstbewusstsein und geringes Durchsetzungsvermögen, erlernte Hilflosigkeit und psychische Labilität - wie sie Menschen in sozial be- nachteiligten Lebenslagen häufig entwickeln – oft auf die frustrierte Befriedigung der Grund- bedürfnisse in den ersten Lebensjahren zurück gehen. Sie hinterlassen neurologisch un- günstige Bahnungen und wirken als „funktionale Narben“ (Braun 2006). Deswegen konzent- riert sich ELTERN-AG mit einem besonderen Schwerpunkt auf Menschen, die sich in der Familienplanungsphase befinden bzw. Kinder zwischen 0–7 Jahren haben.

Ablauf

Die Verantwortung und Leitung der 20-wöchigen ELTERN-AG obliegt immer zwei zertifizier- ten Mentoren, welche im Vorfeld eine neunmonatige Zusatzausbildung zum „Mentor für Em- powerment in der frühen Erziehung und Bildung“ erfolgreich abgeschlossen haben. Nach Gender-Gesichtspunkten erfolgt die Anleitung der Gruppen soweit möglich jeweils durch eine Frau und einen Mann.
Der Ansatz der ELTERN-AG ist dadurch gekennzeichnet, dass die Aktivitäten stets in zwei Abschnitte gegliedert werden
die Vorlaufphase zur Akquise der Eltern,
die Gruppentreffen mit Initial- und Konsolidierungsphase.
In der Vorlaufphase, die insgesamt ca. sechs Wochen in Anspruch nimmt, führen die zwei Mentoren zunächst Gespräche mit relevanten sozialen Institutionen und wichtigen Multiplika- toren im Stadtteil oder in der Region, welche die lokalen Bevölkerungsgruppen und Umge- bungsbedingungen am besten kennen (Feldaktivität). Sie werden mit dem Programm der ELTERN-AG vertraut gemacht und um Kooperation gebeten. Außerdem wird das Vorhaben den Jugendamtsmitarbeitern vor Ort vorgestellt und eine Zusammenarbeit unter Beachtung des Vertrauensschutzes vorgeschlagen. Das Lebensumfeld der Zielgruppe wird von den Mentoren aufgesucht, um so die Lebenswelt der Klienten besser zu verstehen. Dadurch ler- nen die Mentoren u.a. die zentralen Treffpunkte und infrastrukturelle Probleme der späteren Teilnehmer kennen. Schon in diesem frühen Stadium der ELTERN-AG sind die Mentoren auf ihre Fähigkeit zu „empowern“ angewiesen, denn sie motivieren unterschiedliche Institutionen mit unterschiedlichen Denkweisen in Richtung einer echten und gleichberechtigten Koopera- tion. In der Vorlaufphase müssen Kräfte der vorhandenen institutionellen Einrichtungen, Hilfs- und Beratungsangeboten erschlossen und gebündelt werden, um gemeinsam neue Erfahrungen zu ermöglichen, die Selbstorganisation der Eltern zu fördern, Ressourcen für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung freizusetzen und so ein tragfähiges Netzwerk aus Unterstützungsmöglichkeiten zu schaffen.

In einem zweiten Schritt - der Elternwerbung – werden die potenziellen Adressaten der EL- TERN-AG „vor Ort, d.h. individuell in ihrem Lebensumfeld, auf eine sehr persönliche und einladende Weise angesprochen, um Zugangsbarrieren zu verringern. Viele Eltern haben in ihrer bisherigen Lebensgeschichte negative Erfahrungen mit Jugendämtern, Schulen oder Sozialarbeitern gemacht, so dass es ihnen sehr schwer fällt, sich an offizielle Stellen zu wenden, vor allem dann, wenn sie sich unsicher und angreifbar fühlen. Die Mentoren kon- zentrieren sich daher schon bei der ersten Ansprache der Eltern auf ihre Stärken und Res- sourcen und schaffen ein aktivierendes, ermutigendes Klima.
Hat sich eine Gruppe mit genügend Teilnehmern gefunden, wird mit dem ersten Kurstreffen begonnen. Um auch die Zugangsbarrieren für Alleinerziehende und Väter zu minimieren, wird zu jedem Treffen kostenlose qualifizierte Kinderbetreuung angeboten.

Die ELTERN-AG umfasst stets zwei Blöcke (Initial- und Konsolidierungsphase) mit zwei mal 10 Sitzungen, die sich in je zwei Gruppenstunden mit drei jeweils 30-minütigen Sequenzen unterteilen. Jedes ELTERN-AG-Treffen wird unter Berücksichtigung von Datenschutzge- sichtspunkten durch die Mentoren standardisiert dokumentiert und evaluiert. Im Sinne einer Evidenzbasierung fließen fortlaufend evaluierte Erfahrungen und Erkenntnisse in die Weiter- entwicklung des Konzeptes ein.

Die ELTERN-AG startet mit der Initialphase, in der die ersten zehn Sitzungen stattfinden. Der Schwerpunkt liegt hier in der Herausbildung von geregelten Gruppenabläufen, der Bearbei- tung der Erziehungs- und Gruppenregeln sowie der Förderung einer Gruppenidentität. Die Inhalte der Treffen orientieren sich an den Interessen und Bedürfnissen der teilnehmenden Eltern, die regelmäßig von den Mentoren abgefragt werden. Die Mentoren übernehmen die Rolle von Begleitern und Beratern auf gleicher Augenhöhe, welche den Austausch zwischen den Eltern anregen. In der Initialphase sind die Eltern jedoch noch mehr als in der Konsoli- dierungsphase auf die unterstützende Rahmensetzung der Mentoren angewiesen: Diese führen die Eltern behutsam und ermutigend durch die Treffen und bringen ihnen die Struktur und das Procedere des dreigliedrigen Ablaufes der ELTERN-AG nahe.
Die Konsolidierungsphase erstreckt sich über die Sitzungen 11 bis 20. Sie bietet bei gleicher Struktur den Eltern die Möglichkeit, die Gestaltung der Treffen mehr in die eigenen Hände zu nehmen, indem sie ihre Erfahrungen aus den ersten zehn Treffen ihrer ELTERN-AG selbst anwenden und verstärkt Verantwortung für die Gruppe übernehmen. Damit werden die El- tern vorbereitet, die Gruppe selbstständig und selbstorganisiert nach den 20 Treffen weiter- zuführen. Jedes Treffen der ELTERN-AG umfasst drei Segmente:
Kognition: „Schlaue Eltern“
Stressmanagement: „Relax“
Soziales Lernen in der Gruppe: „Mein aufregender Elternalltag“

Die Struktur dieser drei Kernelemente der ELTERN-AG gründet auf den Erkenntnissen des impliziten Lernens. Die Eltern werden eingeladen, sich einzubringen und mitzugestalten. Die „Unterrichtsteile“ der reinen Informationsübermittlung sind auf wenige Minuten beschränkt. Es soll vermieden werden, dass die Eltern durch den „Schulcharakter“ zu viele negative As- soziationen und Ängste vor Überforderung entstehen und sie sich innerlich verschließen. Aber auch wenn aus konzeptionellen Gründen kaum „deklaratives Lernen“ eingebaut ist, erhalten die Eltern auf mehreren Kanälen (z.B. visuell, akustisch, motorisch) und Verhaltens- ebenen (z.B. learning by doing, Modelllernen, sozialer Vergleich) vielfältige und sich ein- schleifende Informationen, die zu einer Erweiterung und Umstrukturierung von funktionalen Mustern führen.
Die Mentoren arbeiten darauf hin, die Eltern durch Aktivierung an die „Selbsterschließung“ von Wissen heranzuführen. Im Sinne Positiver Psychologie und der Ressourcenorientierung werden kontinuierlich alle konstruktiven Beiträge konsequent verstärkt. Durch die Kombinati- on von Wissensvermittlung und Eigenbeteiligung fühlen sich die Eltern als „Experten“ ernst- genommen und ermutigt. Das gesteigerte persönliche Engagement erhöht die Aufnahmebe- reitschaft der Eltern und fördert ihr Selbstbewusstsein.
Die Eltern erfahren in der Gruppe, dass die anderen Eltern auch „nur mit Wasser kochen“ und dass sie mit ihren Sorgen und Problemen nicht allein dastehen. Sie erleben, dass es sich lohnt, auch mal jemand anderes zu fragen und sich gegenseitig zu unterstützen. In der ELTERN-AG haben die jungen Mütter und Väter ein Forum, das ihnen vielfältige Alternativen zum eigenen Erziehungsverhalten aufzeigt. Diese werden in der Gruppe meist lang und breit diskutiert. Die Mentoren laden die Eltern immer wieder ein, sie auszuprobieren und einzu- üben. Auch das Besprechen und Auswerten von ‚Hausaufgaben’, die von den Mentoren re- gelmäßig an die Eltern vergeben werden (z.B. “Lesen sie ein Buch mit ihren Kindern!“ „Gehen sie spazieren“), ist Inhalt eines ELTERN-AG- Treffens.
Die Mentoren achten darauf, die Bemühungen der Eltern jederzeit angemessen zu würdigen und sie darin zu stärken, reflektiert zu handeln und zu erziehen, liebenswert zu sein und gut für sich und die Familie zu sorgen. Sie wertschätzen alle Anstrengungen der Eltern um eine bessere Erziehung und geben so oft wie möglich positives Feedback. Die Mentoren unter- stützten einen Prozess, welcher zum Ziel hat, das Bewusstsein der Eltern bzgl. ihrer Problemlösefähigkeiten zu heben und auf andere Ebenen des Erziehungsalltags, z.B. im Aus- tausch mit Erzieherinnen der Kindertagesstätte, zu transferieren. Mit dem beschriebenen Konzept der ELTERN-AG konnten in Sachsen-Anhalt und Mecklen- burg-Vorpommern bis Ende 2007 bereits 472 Eltern mit ca. 1.000 Kindern erreicht werden. Herausragendes Merkmal des Magdeburger Empowerment-Programms ist, dass eine Ziel- gruppe erreicht werden kann, für die es bisher kein inhaltlich vergleichbares Angebot gibt. Investitionen in den Bereich der „Frühen Bildung und Erziehung“ – das zeigen Untersuchun- gen in der Schweiz und den USA – fließen mit einem Faktor 3 bis 4 volkswirtschaftlich zu- rück. Eine Investition in Programme dieser Art ist demnach nicht nur moralisch und ethisch, sondern auch volkswirtschaftlich angezeigt. Nicht zuletzt als Best-Practice-Modell von Mc- Kinsey bildet, durch die Nominierung zum Deutschen Präventionspreis 2006 und als Modell- projekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat der ELTERN-AG- Ansatz nachgewiesen, dass er einen wichtigen Platz in der Gesellschaft einnimmt

Ausblick:

Vielfältige Anfragen von Schulen, Behörden, aber auch von den sozial benachteiligten Eltern selbst führten beim Gründungsteam der ELTERN-AG zu der Erkenntnis, dass oftmals auch Eltern älterer Kinder besonders an den entwicklungspsychologisch bedeutsamen Wende- punkten Einschulung, Pubertät und Übergang in den Arbeitsmarkt eine spezifische Unter- stützung benötigen. Aus diesem Grund werden jetzt neben der klassischen ELTERN-AG weitere niedrigschwellige Konzepte entwickelt, welche auf der Basis des Empowermentan- satzes das Zusammenwirken von Eltern, Lehrern und Schülern befördern. Mit den neuen Angeboten sollen die Übergänge in die neuen Lebensabschnitte erleichtert, die Entwick- lungschancen der Kinder und Jugendlichen verbessert und die Folgen sozialer Benachteili- gung gemindert werden.
Ein Beispiel dafür ist die Job-Starter-AG. Dieses Empowerment-Training richtet sich an Ju- gendliche im letzten Schuljahr bzw. im berufsvorbereitenden Jahr. Als Stärkenansatz stellt sie nicht die Defizite und Schwächen in den Vordergrund, sondern die Fähigkeiten der Ju- gendlichen, sich selbst zu aktivieren und sich selbst zu helfen. Sie fördert ihre Gruppenfähig- keit, ihre Eigeninitiative und persönliche Verantwortungsbereitschaft, ihre Entwicklung realis- tischer Selbsteinschätzungen und die Erarbeitung persönlicher Bewerbungsstrategien. Ziel ist Hebung von Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen, das Bewusstma- chen von persönlichen Ressourcen und Potenzialen sowie die Übernahme von Verantwor- tung für die eigene Zukunft. Angestrebt wird die objektive und subjektive Befähigung von zunächst schwer vermittelbaren Schülern zur aktiven Arbeitsmarktteilnahme, Qualifikation und dauerhafter Beschäftigung. Die Ausbildung von Job-Starter Coaches beginnt voraus- sichtlich im 2. Quartal 2008.

Für weitere Informationen besuchen Sie die bitte Homepage: www.ELTERN-AG.de

Quellen:

Armbruster, Meinrad (2006). Eltern-AG. Das Empowerment-Programm für mehr Elternkom- petenz in Problemfamilien Carl-Auer-Verlag: Heidelberg 2006

Braun, Katharina (2006): Wie Gehirne Lernen lernen. Oder. Früh übt sich wer ein Meister werden will. Vortragsveranstaltung am 02.02.2006 in Magdeburg, Veranstalter: MAPP e.V., Vortragsreihe "Demokratisierung der Psychotherapie"

Härtig, Elke (2006): Stellungnahme zur Armut. Chancen und Notwendigkeit früher Präventi- on. Zur kritischen Lebenssituation von Säuglingen und Kleinkindern in psychosozial belaste- ten Familien. Herausgegeber: Gesellschaft für seelische Gesundheit in der frühen Kindheit e.V.

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Thiemann, J. & Armbruster, M. (2008). 
Qualitäten der Gesundheitsförderung. ELTERN-AG -- Das Empowermentprogramm für mehr Elternkompetenz für Problemfamilien. 
Berlin: Gesundheit Berlin (Hrsg.). 
[CD-ROM, ISBN 978-3-939012-08-5]

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