ELTERN-AG in der Presse 2011

Wirtschaft fördert Eltern

Handelsblatt macht Schule vom 12.07.2011

Autorin: Melanie Rübartsch

Salina kommt strahlend nach Hause. Die Elfjährige besucht die 6. Klasse des Riedberg-Gymnasiums in Frankfurt. In der vierten Stunde stand eine Mathearbeit auf dem Programm. Salina hat ein gutes Gefühl. Mathe ist ihre Stärke. Dass sie diese seit anderthalb Jahren auf einem Gymnasium ausbauen kann, war nicht immer zu erwarten. Salinas Muttersprache ist Bosnisch - noch vor drei Jahren sprach sie nicht besonders gut Deutsch. Dann erhielt sie einen Platz im Diesterweg-Stipendium der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

Zwei Jahre lang haben Pädagogen das Mädchen auf dem Weg zur weiterführenden Schule begleitet. Dabei stand aber nicht nur Salina als Schülerin im Mittelpunkt, sondern die gesamte Familie. Auch die Eltern haben die Schulbank gedrückt und zum Beispiel gelernt, wie sie die Lernatmosphäre zu Hause verbessern und ihr Kind bei der Organisation des Schulalltags unterstützen können. "Wir haben viel über das deutsche Schulsystem erfahren und trauen uns nun auch zu, mit den Lehrern von Salina zu reden", sagt Vater Alen Babic.

Eltern prägen den Schulerfolg

Wie wichtig es ist, Eltern auf dem Bildungsweg ihrer Kinder mitzunehmen, hat erst jüngst die Bildungsforschung bestätigt: Der Einfluss des Elternhauses auf den Schulerfolg von Kindern und Jugendlichen ist mehr als doppelt so groß wie der Einfluss von Schulen, Unterricht und Lehrern zusammen. Und Pisa-Studie und Co. haben auch gezeigt, dass das Entscheidungsverhalten der Eltern die Bildungsbiografie der Kinder neben deren persönlichen Leistungen erheblich prägt. Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage beklagen indes 78 Prozent der Lehrkräfte mangelnde Unterstützung der Kinder im Elternhaus und Desinteresse der Eltern an schulischen Inhalten. "Ob man Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Elternhäusern oder aus Familien mit Migrationshintergrund ihren Fähigkeiten entsprechend fördern und fordern kann, hängt vor allem davon ab, wie gut die Eltern  mitarbeiten, aber auch wie gut man sie abholen kann", sagt Meinrad Armbruster, Professor für pädagogische Psychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal und Gründer des Präventionsprogramms "ELTERN–AG". "Fast alle Familien wollen den Bildungserfolg für ihre Kinder, aber viele brauchen Rat, um ihren Kindern Bildungsbegleiter zu sein", ergänzt Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Zunehmend machen sich daher Politiker, Pädagogen und Förderer aus Wirtschaft gemeinsam auf den Weg, Eltern Hilfestellungen zu geben. "Ziel muss es sein, die Eltern nicht nur punktuell zu einzelnen Beratungsgesprächen zu bekommen, sondern sie nachhaltig zu motivieren, sich für die Zukunft ihrer Kinder einzusetzen", fordert Professor Klaus Schäfer, Staatssekretär im Bildungsministerium Nordrhein-Westfalen. Auch ökonomische Zwänge spielen eine enorme Rolle: "Deutschlands wichtigste Ressource ist die Bildung, und dafür brauchen wir jedes Talent", sagt Friedrich Joussen, Chef von Vodafone Deutschland.Herkunft dürfe nicht über den Zugang zu Bildung und den Bildungserfolg entscheiden. Als Think Tank versucht die Vodafone Stiftung seit etwa drei Jahren Akteure in Sachen Bildung zusammenzubringen, um neue Angebote der Elternansprache und Elternförderung zu schaffen. Kürzlich sinnierten rund 500 Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Bildungeinrichtungen, Schulen und Elterngremien auf der ersten Duisburger Fachtagung zur Elternbildung über konkrete Projekte. Die Ideen reichten von stadtteilbezogenen Modellen der ganzheitlichen Elternarbeit, über Bildungsverträge zwischen Eltern und Lehrern, Bildungsmessen an Schulen bis hin zu einer besseren Verankerung der Elternarbeit in den Schulprogrammen.

Austausch auf Augenhöhe

Hier sieht Bildungsexperte Armbruster Verbesserungspotenzial: "An vielen Schulen werden Eltern immer noch als Fremdkörper und lästige Zusatzarbeit gesehen - sie haben dort keinen eigenen Raum." Wenn Lehrer Eltern aber - wie leider oft üblich - zum Elterngespräch zitieren und ihnen direkt die Defizite ihrer Kinder um die Ohren hauen, machen viele Eltern dicht. "Es muss gelingen, dass sich Lehrer und Eltern partnerschaftlich auf Augenhöhe begegnen", so der Psychologe. Dazu gehöre aber zum Beispiel auch, dass das Führen von Elterngesprächen integraler Bestandteil der Lehrerausbildung wird und Schulen ihr individuelles Programm für Elternarbeit entwickeln wollen und können.

Auf der persönlichen Ansprache basiert auch das Diesterweg-Stipendium. "Nur so gelingt es, Familien, die sich aufgrund ihrer Herkunft oft aus dem öffentlichen Raum zurückziehen, wieder an Bildungsinstitutionen heranzuführen", ist Stiftungschef Kaehlbrandt überzeugt. Der Erfolg gibt ihm recht: Durch die Infos über das Schulsystem und die Beratungen konnten die Eltern der ersten Stipendiumsgeneration ihre Kinder besser bei der Schulwahl unterstützen, stellten Migrationsforscher der Uni Bamberg fest. 14 von 22 haben - wie die kleine Salina - den Übertritt ins Gymnasium geschafft. Inzwischen engagieren sich viele der Eltern in der Schule und haben mehr Kontakt zu Lehrern und anderen Familien.

GEMEINSAME PROJEKTE

Vodafone Talente

In diesem Programm erarbeitet die Vodafone Stiftung gemeinsam mit anderen Akteuren neue Modelle der Elternansprache und der Kooperation zwischen Eltern und Schule. Ziel ist vor allem, die Aufstiegschancen von Kindern aus sozial schwächeren Familien zu verbessern. Die Stiftung hat gerade in Kooperation mit weiteren Partnern verschiedene Pilotprojekte in zwei Duisburger Stadtteilen auf den Weg gebracht: In einem Coaching-Programm sollen speziell geschulte sozialpädagogische Familienhelfer versuchen, die Erziehungskompetenz von sozial benachteiligten Familien in ELTERN-AGs zu stärken. Mit dem "Family-Programm", das Buddy - ein von der Vodafone Stiftung initiierter Verein zur Förderung sozialen Lernens - gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg entwickelt hat, sollen Familien bei Bildungsfragen unterstützt werden. Das Ziel: Vor Ort verankerte Peergroups stärken Eltern durch Gruppenarbeit und Coachings darin, sich mehr für die schulischen Themen ihrer Kinder zu interessieren. Infos: www.vodafone-stiftung.de.

Stipendium für die Familie

Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft hat ein Familien-Bildungs-Stipendium ins Leben gerufen. Derzeit ist das Diesterweg-Stipendium auf Frankfurt beschränkt, es soll aber demnächst durch andere Träger auf weitere Kommunen ausgeweitet werden: www.sptg.de.

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